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14. Sonntag nach Trinitatis
Predigt am Erntedanktag 2026
Markus 8, 1-9
10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich, und er zog sich mit ihnen allein in die Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier in der Wüste. 13 Er aber sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für alle diese Leute Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Mann. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich setzen in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich setzen. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und dankte, brach sie und gab sie den Jüngern, damit sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was sie an Brocken übrig ließen, zwölf Körbe voll.
Liebe Gemeinde
Erntedank – Jahr für Jahr feiern wir es. Wir wollen und wir können danken. Vielleicht ist der eine oder die andere enttäuscht, weil die Ernte nicht so ausgefallen ist, wie erhofft. Dennoch, fürs Danke-Sagen dürfte es einige Gründe geben. „Drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn,“ so haben wir gesungen. Wir richten unseren Dank an Gott, der uns Jahr für Jahr Seinen Segen schenkt. Und wir hoffen, dass Er uns treu bleibt und weiterhin für uns sorgt an Leib und Seele.
Wie Gott für uns sorgen möchte, dafür ist die Geschichte aus dem Markusevangelium ein ganz besonderes Beispiel: „Die Geschichte von der Speisung der 4000“.
Markus erzählt, dass sich eine sehr große Anzahl von Menschen um Jesus versammelt hat – nicht nur mal eben zwischen Frühstück und Mittagessen, sondern über einen Zeitraum von drei Tagen. Der Versammlungsort ist ein Platz, weitab von den nächsten Ortschaften. Bis dorthin sind die Menschen Jesus gefolgt, weit weg von ihrem zu Hause, weit weg von ihrer Arbeit, weit weg von ihren Familien. Für viele bedeutet das, dass sie für einige Tage nichts verdienen und das Nötige für die folgenden Tage nicht erwirtschaften können.
Dennoch: Für sie ist das, was sie von Jesus zu hören bekommen, so wichtig, dass alles andere hintanstehen muss. Offensichtlich hatte die Botschaft Jesu eine magische Anziehungskraft.
Ist es das, was der Evangelist seiner Gemeinde ans Herz legen will? Nichts ist wichtiger als die Botschaft Jesu. Um sein Wort zu hören, muss man zu vielem bereit sein. Vielleicht hatte der Evangelist Markus ja eine Gemeinde vor Augen, die er bislang nicht wirklich hatte überzeugen können von der Botschaft des Evangeliums. Vielleicht erzählt er deshalb davon, was Menschen alles auf sich genommen haben, um Jesus zu hören.
Markus stellt in dieser Erzählung einen Jesus vor Augen, der sich um die vielen Menschen kümmert, die gekommen sind, um ihm zuzuhören. Es geht gar nicht um den Inhalt der Predigt Jesu, darum, was er den Menschen ans Herz gelegt hat, damit sie darauf vertrauen sollten. Vielmehr betont der Evangelist, wie sehr die Menschen, die gekommen sind, Jesus am Herzen liegen. Jesus schaut hin und sieht, was sie brauchen. Das zeigt sich, wenn Jesus zu seinen Jüngern sagt:
„… Sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“
Diesen Moment fängt der Evangelist ein: So behutsam, umsichtig, ja liebevoll geht Jesus mit den Menschen um. Nicht neue Worte und gute Predigtgedanken sind jetzt nötig. Nein, die Menschen brauchen etwas zu essen, damit es ihnen gut geht. Dann können sie gestärkt den Rückweg nach Hause antreten und die Worte, die sie gehört haben, in ihren Herzen bewegen und ihnen in ihrem Alltag Taten folgen lassen.
Berührend finde ich das, wie der Evangelist seiner Gemeinde und auch uns deutlich macht: Jesus schaut nach dir. Er sieht dich; sieht, wie’s dir geht und was du brauchst. Jesus fragt nicht: „Was hast du vorzuweisen? Hast du genug gearbeitet? Du müsstest aber noch …“ Er sieht: Du hast Hunger. Und er sieht auch, dass es mehr ist als Hunger nach Brot. Jesus sieht deinen Lebenshunger. Er weiß, was für einen langen Weg du schon gegangen bist, was dich Kraft kostet und Lebensenergie. Jesus sieht dich, und er sieht, was Du brauchst. Er will nicht, dass Du „verschmachtest“.
Und dann gibt er: Brot und Fisch. Und wir wissen, es ist so viel mehr, was er uns gibt: Ein Wort, seine Kraft, Trost und Segen oder einen Wink für den nächsten Wegabschnitt. Jesus gibt. Er lässt uns nicht leer gehen. Niemals. Eine berührende Botschaft, die sich in dieser zweiten Speisungsgeschichte entdecken lässt, die der Evangelist Markus erzählt:
„Jesus gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt“.
Jesus gibt den Jüngern, dass sie austeilen. Erst haben sie so zögerlich reagiert, als er sie bat, sich um Essen für die vielen Menschen zu kümmern. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie das möglich sein sollte. Jetzt aber vertrauen sie Jesus. Sie vertrauen darauf, dass Jesus keine leeren Versprechungen macht – und teilen aus, was er ihnen gegeben hat. Und sie erleben: Es reicht. Es ist genug für alle. Alle bekommen etwas.
Zwei Botschaften, die diese zweite Speisungsgeschichte besonders betont. Grund genug, sie aufzuschreiben. Und genau betrachtet, gehören die beiden Gedanken zusammen. Für den einen braucht es den anderen: Zuerst geht es darum, dass Jesu Botschaft das Allerwichtigste ist. Und diese Botschaft wird hier ganz anschaulich: Gebt! Gebt jeder und jedem. Gebt allen. Es wird genug da sein. Gebt, weil Jesus euch gibt. Gebt, wie er es gemacht hat. Seid so behutsam und umsichtig und liebevoll wie er. Schaut genau hin. Schaut, was die anderen brauchen, und gebt, so gut ihr könnt. Helft mit, dass Menschen satt werden, an Leib und Seele. So wie Jesus hinschaut, so wie er satt macht und niemanden leer ausgehen lässt, so sollt ihr es auch tun.
Doch hier mischen sich zumindest bei mir und dem Kirchenvorstand, vielleicht auch bei jenen, die am vergangenen Sonntag in der Kirche und bei der öffentlichen Vorstandssitzung, große Sorgen in diesen eigentlich so wundervollen Tag – den Erntedanktag. Dabei spielt gerade die Zahl 4.000 eine große Rolle. Denn nach den Plänen unserer Landeskirche sollen die Zahlen, die zukünftig eine volle Gemeindestelle ausmachen, innerhalb nicht einmal zehn Jahren auf 4.000 Gemeindemitglieder hoch gesetzt werden. Gemeindeverbände sollen gegründet werden, mindestens drei volle Pfarrstellen sind dafür nötig, also 12.000 Menschen mit gerade mal drei Pfarrpersonen.
Und ich frage mich, wer dann diese 4.000 oder 12.000 Menschen noch angemessen versorgen soll. Gerade hier im ländlichen Bereich. Mit allem, was sie brauchen? All dem, was über Gottesdienst, Taufen Beerdigungen hinausgeht. Wer wird sie besuchen. Wer wird die Gespräche führen, wenn es wirklich mal drückt? Der Mensch braucht mehr, als eine Art religiöse Grundversorgung, mehr als ein paar Brocken Brot oder einen kleinen Schnipsel Fisch. Jesus hat das erkannt, aber ich frage mich, ob unsere Kirche das wirklich erkannt hat.
Am Ende erzählt die Geschichte: „Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend.“ Keine Rede von einem großen Applaus für Jesus oder von einem vielstimmigen Dankchoral. Keine große Verwunderung oder gar Entsetzen über das, was geschehen ist. Es ist alles erzählt. Nur der Schlusssatz fehlt noch: „Und er ließ sie gehen.“ Jesus lässt die Menschen gehen, ohne Ermahnungen, ohne Bedingungen, ganz frei. So gehen die Menschen zurück in ihr Leben.
Vielleicht versteckt sich auch hier noch einmal eine Botschaft des Evangelisten an seine Gemeinde und an uns: Tut es auch darin Jesus gleich. Schaut und gebt und lasst einander die Freiheit, das damit zu tun, was jeder und jede als richtig erkennt. Seid behutsam miteinander. Vertraut, dass jeder und jede mit dieser Freiheit etwas Gutes macht.
Und der Landeskirche sei das ins Buch geschrieben, was unsere Vorfahren so ausdrückten: „In eunen Saut, iut den diu Water halst, sasst diu nenne Steune schmuiten – In einen Brunnen, aus dem du Wasser holst, sollst du keine Steine schmeißen“.
Amen.
Spruch:
Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.
Eingangsgebet:
Guter Gott!
Du hast Himmel und Erde erschaffen. Du hast dem Weltall eine Ordnung gegeben, die wir erkennen und bewundern. Du hast den Menschen dazu bestimmt, sich die Erde untertan zu machen, sie zu bebauen und sie als treuer Verwalter deiner Güter zu bewirtschaften. Wir freuen uns heute über die Ernte dieses Jahres.
Wir haben uns hier versammelt, um Dir für alles zu danken, was Du uns in diesem Jahr an Gütern geschenkt hast.
Lass uns nie vergessen, dass trotz aller Arbeit und Leistung unsererseits Du es bist, der alles reifen lässt und die Arbeit unserer Hände mit Erfolg segnest.
Der Du alles in Deinen Händen hältst und es einst zum Guten Ende führst durch Christus unseren Herrn.
Amen
Schriftlesung: 5. Mose 8, 6-10
6 So halte nun die Gebote des HERRN, deines Gottes, dass du in seinen Wegen wandelst und ihn fürchtest. 7 Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und in den Auen fließen, 8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. 10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.
Fürbittengebet:
Schöpfer der Welt, wir danken dir, dass du uns sättigst an Leib und Seele. Richte unsere Augen auf deine Barmherzigkeit.
Wie schön hast du unsere Erde gemacht mit wie viel Liebe alles gestaltet! Überall können wir Erstaunliches entdecken, überall Zeichen deiner weisen Ordnung erkennen. Du hast alles so eingerichtet, dass genug da ist für alle Geschöpfe, dass alle glücklich leben können.
Wie weh muss es dir da tun, wenn du siehst, wie rücksichtslos Menschen die Erde ausbeuten, wie brutal der Verteilungskampf unter uns ist, wie unerträglich das Los der Armen!
Gott, wenn wir dich doch trösten könnten mit Achtsamkeit für deine Schöpfung! Wenn wir das Leid von Menschen und Tieren doch lindern könnten durch einen veränderten Lebensstil!
Wir haben gute Absichten, Gott! Hilf uns, sie in die Tat umzusetzen. Richte unsere Augen auf dein Kommen.
Amen
