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14. Sonntag nach Trinitatis
PPredigt am 17. Sonntag nach Trinitatis
Matthäus 15, 21-28
Liebe Gemeinde,
ein Prinzipienreiter ist Jesus eigentlich nicht! In unserem heutigen Predigttext sieht das aber mal so ganz anders aus. Da achtet Jesus auf Prinzipien. Ich will Ihnen erst einmal nur den ersten Teil des Predigttextes vorlesen:
21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Aber er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
Ist das der Jesus, den wir kennen? Eine Frau läuft schreiend zu ihm. Sie ist in Not. Und er? Erst reagiert er gar nicht. Als wäre sie Luft für ihn. Seine Jünger drängen ihn. „Sag doch was zu ihr! Sonst hört sie nicht auf zu schreien!“ Doch Jesus verstärkt nur seine Ablehnung, indem er klar macht: „Ich bin nicht für die Ungläubigen da! Welch harte Worte aus seinem Mund. Nicht für diese Frau ist er da und auch für keinen anderen Nichtjuden!“
Jesus enttäuscht uns an dieser Stelle. Die Worte, die er hier sagt, die Art, wie er sich verhält, passt nicht zu ihm. Oder jedenfalls nicht in unser Bild von ihm. Hat er nicht gesagt: „Das Gesetz ist nicht dafür da, um es zwanghaft zu erfüllen. Das Gesetz soll dem Miteinander von Menschen dienen“. Doch Jesus lehnt es ab, zu helfen, allein, weil die Frau nicht dem jüdischen Glauben angehört. Er sagt: „Ich bin nicht gesandt zu den Fremden – aus anderen Ländern, mit einem anderen Glauben“.
„Aber diese Frau braucht doch Hilfe!“ möchte man rufen. Würde sie denn sonst zu einem gehen, der ihr völlig fremd ist? Wie viele Priester hat sie wohl schon aufgesucht! Wie viele Wunderheiler! Doch keiner konnte ihr helfen. Sie ist am Ende. Ihre Trostlosigkeit kann sie schon nicht mehr in einfachen Sätzen vorbringen. Sie schreit sie nur noch heraus, sodass jeder sie hören kann.
Da ist also die fremde Frau, der Jesus nicht helfen will. Unter Umständen tauchen in unseren Köpfen ganz andere Bilder auf. Bilder von so vielen Menschen, die in unser Land kommen. Bilder von tausenden Menschen, die auf die Straße gegangen sind, um gegen die Islamisierung des deutschen Volkes zu demonstrieren. Angst vor fremden Religionen. „Die gehören nicht zu uns! Europa ist doch nicht muslimisch“!
Aber wo waren die, gegen die da demonstriert wurde? Wo sind sie heute? Sie spielten damals und spielen heute immer noch in der Berichterstattung nur eine untergeordnete eine Rolle. Viele werden sich vermutlich stillschweigend in ihre Notunterkünfte oder Wohnungen zurückgezogen haben. Ein Zurück in ihr Herkunftsland gibt es nicht mehr. Der Weg in die Zukunft immer noch ungewiss. Andere, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben und arbeiten, die sich hier etwas aufgebaut haben, fester und guter Bestandteil unserer Gesellschaft sind, die verstehen die Welt nicht mehr. Wen hatten sie eigentlich gestört?
Ja, wenn unsere biblische Geschichte so zu Ende gegangen wäre, wie eben gelesen, dann wäre genau das vielleicht zur Botschaft geworden: Menschen von woanders und mit einem anderen Glauben haben von uns keine Hilfe zu erwarten. Wäre die Geschichte so zu Ende gegangen, hieße die Botschaft vielleicht: Es ist gut, sich gegen alles Fremde abzugrenzen. Es ist richtig, dass jeder für sich selber sorgt. Wir haben genug mit uns zu tun und mit unseren Landsleuten, die Hilfe benötigen.
Die kanaanäische Frau in unserer Geschichte weiß keinen Ausweg mehr für ihre kranke Tochter. Es kann nicht mehr schlimmer werden. Also legt sie ihre ganze Verzweiflung und ihre letzte Hoffnung in die Worte an Jesus: „Her– hilf mir“! Die Geschichte geht weiter. Doch wenn wir meinen, jetzt schon würde sich das Blatt in Jesu Einstellung zu der Frau wenden, dann werden wir noch ein weiteres Mal enttäuscht. Ich lese die folgenden zwei Verse:
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brotsamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Hören wir das richtig? Jesus vergleicht die Frau mit einem Hund? Mich hätte das zutiefst gekränkt, Sie vermutlich auch. Wenn so etwas heute geschehen würde, wie würde unsere Reaktion aussehen?Nach dem ersten Entsetzen hätten wir uns wohl abgewendet und wären gegangen. Und hätten ziemlich sicher bei uns gedacht: Was die Leute nur immer von diesem Jesus erzählen …! Ich kann keine Menschenfreundlichkeit bei ihm entdecken.
Doch an der Frau scheint dieser unerhörte Vergleich mit einem Hund abzuprallen. Wahrscheinlich wurde sie schon oft so beschimpft und verjagt. „Was soll mir noch passieren!“, wird sie sich fragen. „Ja, dann bin ich eben eine Hündin, wenn doch nur einfach meinem Kind geholfen wird! Alles andere ist mir egal.“ Und so drängelt sie weiter: „Nur das Kind, Herr! Nur mein armes Töchterchen! Bitte! Hilf doch“!
Wenn ein Mensch so fleht – kann man sich dann verweigern? Auch wenn er von ferne kommt, wenn er einen anderen Glauben hat? Wenn er einfach ein Mensch in äußerster Not ist? Und wenn man sich nichts vergibt, dadurch, dass man ihm hilft? Scheinbar geht das. In diesen Tagen brauchen wir nur in so manches Land Europas blicken, wo genau so argumentiert wird. Wo Menschen Hilfe verweigert wird, weil sie keine Christen sind. Wo Menschen, die in äußerster Not sind, wie Hunde behandelt werden, auf die man einen Eimer Wasser gießt. Und auch, wenn sich in unserem Land eine ungeahnte Solidarität finden lässt, die man vielleicht nicht erwartet hätte, es gibt unter uns aber auch die anderen, die genauso geringschätzig denken, die den notleidenden Menschen nicht in den Blick bekommen, sondern nur fragen, was das wohl für uns und unser sehr bequemes Leben bedeuten mag. „Jesus! Bitte, hilf meiner Tochter!“, fleht die Frau.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Diejenigen, die diese Geschichte aufgeschrieben und erzählt haben, wollten deutlich machen: Diese Geschichte ist keine Wundererzählung in dem Sinn: Wenn du nur richtig glaubst, wird dir ein Wunder geschehen. Das Wunder ist hier ein ganz anderes: Ich muss an meiner vorgefertigten Meinung nicht um jeden Preis festhalten. Wer A sagt, muss nicht zwangsläufig auch B sagen. Er kann auch erkennen, dass A einfach nur falsch war und den Mut finden, anders zu handeln.
Diese Geschichte über Jesus und die Frau ist wohltuend anders. Mag sein, dass er den umstehenden nur einen Spiegel vorhalten wollte. Aber vielleicht begegnet uns hier weniger der unerreichbare Gottessohn als vielmehr der uns so ähnliche Menschensohn. Der sich irrt. Und der sein Denken verändert. Es ist, als ob Jesus selbst überrascht ist, dass er ausgerechnet bei der Ausländerin das findet, was er beim eigenen Volk so schmerzlich vermisst – Dankbarkeit, Vertrauen und Hoffnung. Dann muss mein Herz ran, mein Gefühl. Weniger mein Verstand. Es ist nichts Unerreichbares, was da über Jesus erzählt wird. Eigentlich kann ich da schon jetzt mitmachen.
Was können wir mitnehmen von dieser Geschichte? Direkt im Anschluss berichtet Matthäus von einer Speisung. Diesmal werden 4000 Menschen satt – und es bleiben noch zwölf Körbe übrig.
Vielleicht wird es wirklich weniger für uns. Aber alle, die kommen, werden auch satt. Kein Kind muss bei uns hungern, wenn der Hund ein paar Brocken bekommt. Wir müssen uns buchstäblich nichts vom Munde absparen – sondern nur von unserem Überfluss geben, den es allen Unkenrufen zum Trotz immer noch gibt. Es wird weniger – aber es wird immer noch genug geben. Nicht einmal 10% von dem, was Energiekonzerne abgreifen, sind nötig um 800.000 Menschen in Deutschland aufzunehmen.
Mag sein, dass Ausländer nie so richtig zu geliebten Kindern unseres Volkes werden. Dass sie nie zu unserer Familie gehören, wie unsere eigenen Kinder. Mag sein, dass sie gierig sind und nach jedem Happen schnappen, den sie ergattern können. Aber schlechter als unsere Haustiere sollten wir sie nicht behandeln. Und eine Handvoll Reis bleibt sicher bei jedem Essen übrig.
Wenn nur genug Menschen den Mut haben, ihr Denken zu ändern, dann wächst eine Kultur der Mitmenschlichkeit. In ihr bleibe ich aufgehoben, selbst wenn ich in Not gerate, wenn ich womöglich selbst zum Flüchtling werde. Ich hoffe auf Menschen, die aufeinander achten und sich vom Leid der anderen bewegen lassen. Die keine Prinzipienreiter sind, sondern die Freundlichkeit und Liebe Gottes leben. Es geht!
Das wussten schon unsere Ahnen, wenn sie sagten: „Hölpe örst mol iuter Naut, dat Kürn kannste nohers deon – Helfe erstmal aus der Not, das Reden kannst du nachher tun“.
Amen
Begrüßung:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat! Bei Gott spielen Grenzen von Ländern, Völkern und Kulturen keine Rolle. Was zählt, ist der Glaube: „Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.“
Spruch:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1.Joh. 5,4c)
Eingangsgebet:
Gütiger Gott.
Du bist kein Gott der Bedrohung oder der Einschüchterung, sondern der Schöpfer von Leben. Gib uns die Stärke des Glaubens, damit wir Rückhalt finden, wenn das Leben uns zu schaffen macht. Wenn Sorgen und Probleme uns lähmen, öffne die Türen und Fenster unseres Geistes für dein Wort, damit dein Segen Eingang findet in unser Leben
Amen
Lieder:
452, 1-3 „Er weckt mich alle Morgen“
413, 1-6 „Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt“
262, 1-4 „Sonne der Gerechtigkeit“
279, 1+2 „Jauchzt alle Lande, Gott zu ehren“
Schriftlesung: Römer 10, 9-17
9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. 11 Denn die Schrift spricht: „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“.
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13 Denn „wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden“.
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht: „Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen“!
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht: „Herr, wer glaubt unserm Predigen“?
17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.
Fürbittengebet:
Treuer Gott. Du gibst uns dein Wort und rufst uns bei unserem Namen. Du lässt uns in Jesus den Weg und die Wahrheit und das Leben finden. Du weckst in uns Vertrauen und erwartest es auch von uns. Lass es uns wagen mit dir.
Wir bitten dich für die vielen, die sich schwertun mit dem Glauben, weil sie nicht vertrauen können oder im Glauben nur Anstrengung sehen oder Forderungen vermuten, die sie selbst nicht schaffen. Schenke dich ihnen mit deiner Kraft. Dass sie es wagen mit dir.
Wir bitten dich für die vielen, die den Glauben verachten, weil sie immer sicher sein wollen oder Angst davor haben, auf etwas angewiesen zu sein. Mach ihnen ihre Grenzen bewusst und hilf ihnen zugleich heraus aus ihrem Scheitern. Dass sie es wagen können mit dir.
Wir bitten dich für die vielen, die vom Glauben enttäuscht sind, die es versucht haben und nach schweren Erfahrungen meinen, sie hätten dich doch nicht an ihrer Seite. Führe sie aus ihrer Verbitterung. Eröffne ihnen einen Sinn für ihr Leben und gib ihnen Mut, noch einmal alles auf deine Kraft zu setzen, ja, dass sie es wagen können mit dir.
Amen
