Kirche Vahlhausen


Unsere Kirche

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Wunder sind anstößig – oder stoßen sie etwas an?
Ein Gottesdienst mit P. Steinke.

Die Predigt zum Nachlesen

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis

Markus 1, 40-45
40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. 41 Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein! 42 Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.
43 Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich 44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.
45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

Liebe Gemeinde.
Beim ersten Hinhören ist unsere Erzählung eine dieser Wundergeschichten, bei denen wir uns fragen, ob das denn wirklich so passiert ist. Das mag glauben wer will, aber dass ein Aussätziger sofort geheilt wurde, das widerspricht doch den Naturgesetzen und unserer Erfahrung. Aber Markus würde uns wohl erstaunt anlächeln, und sagen: „Ihr Glücklichen! Habt ihr euch noch nie ausgegrenzt gefühlt? Oder die Empfindung gehabt, euch in der eigenen Haut nicht wohl zu fühlen? Seid ihr im Leben immer mit heiler Haut davongekommen? Seid ihr immer geschützt vor Krankheit?

Wahrscheinlich können wir uns nur schwer in das Schicksal dieses Aussätzigen hineinversetzen! Er ist ein Bild der Einsamkeit, der Angst, auch der Schwierigkeiten und Sorgen, die sich in unserer Seele abspielen. Wir sagen doch auch zu bemitleidenswerten Menschen, das sei eine „arme Haut“. Wir wissen es heute noch besser, dass oft körperliche Krankheiten Ausdruck einer seelischen Not sind. Und gute Ärzte wissen, dass Krankheiten, und gerade auch Hautkrankheiten, eben nicht nur eine körperliche Seite haben, sondern auch eine seelische. Krankheiten sind manchmal das Spiegelbild unserer Seele.

Wir werden wohl oder übel antworten müssen: „Ja, Markus, du hast Recht! Solche Erfahrungen sind uns nicht fremd. Ausgeschlossensein, Vereinsamung, Beziehungslosigkeit und damit einhergehend auch Krankheit, das zeigt sich leider in unserem Alltag. Davor ist niemand geschützt! Menschen werden krank vor Schuld, finden aus ihrer Verstrickung nicht mehr heraus, sind unfähig um Verzeihung zu bitten und brechen stattdessen Beziehungen endgültig ab.

Menschen werden krank vor Neid, setzen sich total ein, um im Beruf an der Spitze zu bleiben, um mitzuhalten zu können, egal, ob daran ihre Familie und Gesundheit zerbricht. Andere werden krank vor Angst, ziehen sich zurück in ihre vier Wände. Oft werden sie dann auch gemieden, weil sie immer eigenartiger werden. Oder was bewirkt das in uns, wenn wir die Diagnose einer schlimmen Krankheit bekommen? Wenn der Tod uns betroffen macht und wir von einem lieben Menschen Abschied nehmen müssen – und, und, und… Wir fragen uns dann bisweilen, wie wir mit heiler Haut aus solch einer Situation wieder herauskommen.

Aussatz, das bedeutete damals, bei lebendigem Leibe von allem ausgeschlossen zu sein, was das Leben lebenswert macht. Keinen Kontakt zur Familie, kein Leben in der Gemeinschaft eines Dorfes, keine Berührung von anderen, keine Nähe und keinen Austausch. Näherte sich ein gesunder Mensch einem Aussätzigen, musste dieser schon aus einer gehörigen Entfernung rufen: „Ich bin unrein!“ Unreinheit bedeutete den Abbruch jeglicher Beziehung. Im wahrsten Sinne des Wortes „ausgesetzt“ oder „ausgeschlossen“.

Der Aussätzige hatte sich zu betrachten als ansteckende Gefahr, als etwas, das den anderen Menschen unzumutbar ist, von Gott verstoßen. Wer von Aussatz befallen war, galt als von Gott verflucht. Und wen Gott verfluchte, der war aus der Gemeinschaft auszuschließen. Und so lebten sie ganz abseits von den Dörfern und Städten. Es gab zwar barmherzige Menschen, die sie mit Nahrung und anderem Notwendigen versorgten, aber letztendlich waren Aussätzige lebende Tote.

Und wir? Sprechen wir nicht auch davon,uns nicht wohl zu fühlen in unserer Haut, und sagen wir nicht auch: „Ich bin mit mir selbst nicht im Reinen“. Das heißt: Es gibt Situationen, in denen etwas in uns verkehrt ist, in denen irgendwas verkehrt läuft, in denen wir eben nicht mit uns im Reinen sind. Menschen, die in sich eine große Frustration und Bitterkeit herumtragen, Verzweifelte, die mit einem Problem nicht fertig werden.

Ich denke, wir werden Markus nur beipflichten können und vielleicht noch ergänzen: „Du beschreibst das richtig. Viele Menschen klagen heute darüber, dass sie sich ausgestoßen fühlen oder wie Aussätzige behandelt werden. Die Schönheitsideale unserer Gesellschaft fordern dabei ihren Tribut. Auf Schulhöfen wird davon erzählt, unter Jugendlichen wird darüber gesprochen oder gechattet: Du bist viel zu klein! Du hast Pickel! Du bist zu dick! „In“ ist, was alle tun, und wenn man da nicht mitmacht ist man ganz schnell „out“, also all diejenigen, die dem allgemeinen Trend nicht genügen können, oder die keine Markenkleidung tragen, die die falschen Schuhe tragen, bei Handys oder Computer nicht mithalten können oder wollen. Sie stehen am Rande, Aussätzige im 21. Jahrhundert.

Wie oft erleben wir, dass Menschen vereinsamen, oder alleine bleiben, gerade dann, wenn sie Nähe und Zuspruch dringend nötig hätten, wenn sie herausgeholt werden müssten aus dieser Einsamkeit in ihrer jeweiligen Lebenssituation, aus der Ausgeschlossenheit. Es gibt Aussatz eben nicht nur als Hautkrankheit, sondern es gibt ihn in vielen Schattierungen.

Der Aussätzige in unserer Geschichte beschloss, einen Ausweg aus seiner Situation zu suchen. Er machte sich auf die Suche nach einer Heilung. Er hatte von Jesus gehört. Und als Jesus in seine Gegend kam, überlegte er nicht lange. Er überschritt die Grenze seiner Isolation. Er kniete demütig vor Jesus nieder und flehte ihn an: „Willst du, so kannst du mich reinigen.“

Eigentlich hätte Jesus ihn schroff abweisen müssen. Aber er zeigte tiefes Mitleid. Es jammerte ihn, wie es heißt, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein! Die Zuwendung und die Worte Jesu gingen dem Aussätzigen im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Haut“. Sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein.

Indem Jesus ihn berührte, ihn anfasste, seine Nähe spüren ließ, überwand er die unsichtbare Grenze zwischen dem Aussätzigen und ihm, zwischen Gesunden und Kranken. Damit wird deutlich: So ist Gott! Er bleibt nicht auf Abstand. Das Leid, die Not rühren ihn an. Jesus ließ sich anrühren von seinem Schicksal und schenkte ihm Heilung durch seine Berührung. Hautnah begegnete Jesus hier dem Kranken. Und dieser Mensch konnte sich nun wieder wohl fühlen in seiner Haut. Er wird seiner tödlichen Isolation entrissen. Jesus heilte die erkrankte Haut, das Organ der Grenze zwischen mir und den anderen, zwischen meinem Körper und der Welt, zwischen innen und außen. Das Organ, das in besonderer Weise empfindlich ist, für das was von außen auf mich einwirkt und sich in meinem Innern abspielt.

Für den Aussätzigen veränderte sich sein Leben, weil der Aussatz nicht mehr sein Leben bestimmte, es war, als wäre er wie neu geboren, rein von Grund auf. Er hat grenzenlos auf die heilende Macht der Liebe Gottes vertraut, die sich in Jesus offenbart hat. Gottes Liebe hat diesen lebenden Toten berührt und geheilt. Und das kann auch für uns gelten: Gottes Liebe schenkt Heilung und Heil, erweckt neues Leben. Für Gott gibt es keine Trennung in Reine und Unreine, kein Ausschließen, kein Verbannen. Jesus hat den Blick Gottes, der in uns das Reine sieht, der uns Annahme schenken möchte. Die Einsamkeit, die Angst, die Krankheit, alles was uns belastet, verliert seine Bedeutung.

Der Weg zum Leben, als Mensch unter Menschen, war für den gesund Gewordenen wieder offen. Auf diesen Weg weist ihn Jesus: Geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat. Er schickte ihn sozusagen zum „Amtsarzt“, damit er wieder in die Lebensgemeinschaft eingegliedert werden konnte.

Soweit, so gut, aber wir erleben es leider auch, dass Menschen nicht immer mit heiler Haut davonkommen. Dass solch ein Wunder ausbleibt. Auch deshalb geht es Markus darum, uns zu vermitteln, dass Jesus nicht als irgendein Wunderheiler aufgetreten ist, sondern ein Zeichen setzen wollte, dass Gott reine Menschen möchte und ihnen auch dazu verhilft. Deshalb heilt Jesus Menschen. Als Zeichen dafür, dass Gott stärker ist als Krankheit und Ausgeschlossenheit. Gott nimmt uns an, so wie wir sind, wir brauchen uns bei ihm nicht „aussätzig“ zu fühlen.

Also ist die Erzählung keineswegs als Absage an die Möglichkeiten unserer modernen Medizin zu verstehen! Glaube und Medizin stehen nicht gegeneinander, sondern sollten zusammenarbeiten. Jesus fand auch nicht, dass es „Unglaube“ sei, wenn er die Heilung fachlich bestätigen ließ. Aber wir müssen begreifen, dass es ihm ums Ganze geht. Um eine Heilung aller Menschen, eine Heilung von Beziehungen, eine Heilung von Angst. Um eine innere Reinigung all dessen, was uns belastet und bedrückt und wo ihr mit uns nicht im Reinen sind. All das will er uns schenken.

Markus will sein Evangelium nicht als Aneinanderreihung von spektakulären Heldentaten Jesu verstanden werden, sondern sie sollen Hinweise sein auf das zukünftige Heil, das Gott uns zuteil werden lässt. Es geht nicht nur allein darum, dass der Körper des Aussätzigen wieder „leistungsfähig“ wird. Nicht nur Heilung, sondern Heil zu bringen, das ist Jesu Auftrag. Wo das im Vertrauen auf Gott gelingt, da wird schon jetzt und hier ein Stück vom Himmel, etwas vom Reich Gottes sichtbar.

Denn wie sagt man doch unter uns? Wenn eune Vertriuen hät, kann heu olles möglek maken. – wenn einer Vertrauen hat, kann er alles möglich machen.

Amen

Begrüßung:
So langsam neigt sich das Jahr tatsächlich langsam seinem Ende zu. Schon in vier Wochen werden wir das Erntedankfest begehen. Der 14. Sonntag nach Trinitatis hilft schon vorab dem Gedächtnis auf die Sprünge und öffnet die Augen dafür, von wem all das Gute kommt, mit dem wir beschenkt sind: Unserem Gott nämlich. Wer dankbar lebt, der ist nicht nur glücklicher, der lebt auch in Gottes Geist. Der Geist, der es uns erlaubt, kindlich zu Gott zu beten und von ihm Gutes zu empfangen, weckt auch die Erinnerungen an die Wohltaten Gottes. Der öffnet auch dem Geheilten den Mund zu Gottes Lob.

Spruch:
Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Lesung: Römer 8, 14-17
14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Lieder:

440, 1-4 „All Morgen ist ganz frisch und neu“
503, 1-4 „Geh aus mein Herz“
659, 1-3 „Ins Wasser fällt ein Stein“
171, 1-3 „Bewahre uns Gott“

Eingangsgebet:
Barmherziger Gott, wenn wir unser Leben betrachten, und uns bewusst vor Augen halten, wie viel Gutes darin war, erfüllt uns große Dankbarkeit.
Wir fassen sie nicht immer in Worte, teilen sie dir nicht jeden Tag mit, aber du kennst uns, und wir sind sicher: Du freust dich mit, wenn wir glücklich sind.
Lass uns aus der Erinnerung an deine Güte Hoffnung schöpfen in schweren Zeiten.
Auch dann wirst du uns nicht verlassen, auch dann für uns sorgen und uns Kraft geben, so viel wir brauchen.
Amen

Fürbittengebet:
Gott, wir danken dir für alles, was du uns schenkst: Glaube, Hoffnung, Liebe, Gemeinschaft und die vielen Gaben in unserer Kirchengemeinde. Füreinander wollen wir dich nun bitten: Gib uns ein Herz, das sieht, was du jedem gibst für sein Leben und uns allen als christliche Kirche.
Wir bitten dich um Verständnis für unsere Mitmenschen: lass uns erkennen, wo wir helfen können. Mache uns hilfsbereit. Und wo wir neue Wege aufzeigen können, gib uns den Mut dazu.
Du siehst die Menschen, die allein sind und denen es schwer fällt, Kontakte zu knüpfen. Wir bitten dich um die Fähigkeit, allen Menschen so zu begegnen, dass sie auch durch uns deine Liebe erfahren.
Wir bitten dich für unsere Kirche und die ganze Christenheit, dass sie über alles Trennende hinweg eins werde im Glauben und im Handeln und so befähigt wird, ein glaubwürdiges Zeugnis deiner Liebe zu geben.
Wir bitten dich für die Menschen in Not und Bedrängnis, dass ihnen geholfen werde. Wenn du solche Menschen zu uns schickst, hilf uns erkennen, was wir tun können. Sei du denen nahe, die unter einer Krankheit leiden und in Krankenhäusern versorgt werden. Lass sie nicht alleine sein, sondern deine liebende Fürsorge erfahren. Zeige den Ärzten den richtigen Weg, zu helfen.
Bleibe bei uns, Gott, mit deinem Wort und den Gaben deiner Güte.
Amen