Predigt am Sonntag Lätare

Jesaja 54, 7-10

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Liebe Gemeinde
„Ich gehe mit dem Vater und zugleich heim zu ihm“! So sehr dieser Glaube auch die Quelle unserer Lebenskraft sein kann, so deutlich ist auf der anderen Seite, wie schnell man doch auf seinem Lebensweg in eine Wüste geraten kannund die Übersicht verlieren kann. Ich meine hier jene Augenblicke, in denen man nicht mehr verstanden wird oder in denen uns ein Unrecht geschieht. Augenblicke der Einsamkeit, des Alleinseins und der Verlassenheit. Augenblicke, in denen das Leben schwer wird, zuweilen so schwer, dass man meint, es nicht mehr tragen zu können.

In solchen Augenblicken – und sie fehlen in keinem Leben – kann Gott derart in die Ferne rücken, dass man den Eindruck gewinnt, er sei nicht mehr da.

Kehren wir zurück zu unserem Predigttext, denn er beschreibt eine solche Situation. So, oder so ähnlich mag sich das Volk Israel gefühlt haben. Sie durchlitten eine Situation, die schier unerträglich war. Sie hatten einen langen, gemeinsamen Weg mit Gott zurückgelegt. Auf diesem Weg war Vieles geschehen. Manches hatte sie ganz fest aneinander gebunden. Manch anderes, und vielleicht war es sogar der größere Teil, hatte das genaue Gegenteil bewirkt. Vieles, was eigentlich gut ist, gerät aus dem Blickfeld. So war es auch mit ihrem Verhältnis zu Gott. Sie gaben nicht viel auf die Warnungen anderer, etwa ihrer Propheten. Sie orientierten sich andernorts, vertrauten anderen Göttern, die sie für stärker hielten. Sie verließen vertraute Lebenswege, um neue zu beschreiten, die dann doch zu keinem Ziel führten. Bis dann die Katastrophe kam und all ihre Großmannssucht wie eine Seifenblase zerplatzte.

Und da saßen sie nun, fern der Heimat, verschleppt in das Land der Eroberer und durchlebten all diese Augenblicke der Einsamkeit, des Verlassenseins, der Ablehnung. Mit einem Mal war es ihnen deutlich, was alles schief gelaufen war und was sie selbst falsch gemacht hatten. Und Gott war weg. Weit, weit weg. Es sah danach aus, als würde er sie nun ihren Weg allein gehen lassen, als hätte er sich von ihnen losgesagt. Der absolute Tiefpunkt war erreicht. Vielleicht gibt es kein schlimmeres Gefühl, als das, von Gott und der Welt verlassen zu sein. Gerade von Gott.

Niemand muss sich solcher Gefühle schämen. Auch wir nicht, wenn wir sie haben. Jeder Mensch hat Momente in seinem Leben, in dem das Gefühl der Gottesferne vertrauter ist, als jedes andere. Jeder und jede hat Situationen erlebt, in denen Zweifel aufkommen, ob das denn auch alles so richtig ist mit dem Lieben Gott und diesem gemeinsamen Lebensweg. Das hat doch nichts zu tun mit Glauben oder Unglauben.

Denn selbst Jesus war nicht von solchen Gedanken und Gefühlen ausgenommen. Da sind zum Beispiel die vierzig Tage in der Wüste, als seine Kräfte durch das lange Fasten langsam nachließen. Oder der schreckliche Abend seiner Gefangennahme, der Augenblick der Kreuzigung, als er all seine Zweifel, seine Einsamkeit hinaus rief: „Mein Gott, mein Gott. Warum hast du mich verlassen“? Darum braucht sich niemand seiner Zweifel zu schämen. Sie gehören zu unserem Leben und sind Teil unseres Glaubens.

Das Leben kann einem manchmal wie eine Achterbahnfahrt vorkommen, auf der es in ungeahnte Höhen hinauf geht, wir einen unbeschreiblichen Ausblick erleben, gerne nicht nur für einen kurzen Moment verharren, sondern dort am liebsten ein Leben lang verweilen möchten, ehe es uns mit einem Mal wieder in die Tiefe zieht, es den Atem verschlägt und die Brust einschnürt, wie schnell und wie tief man nach unten gelangen kann. Da kann man der glücklichste Mensch der Welt sein, kann aber auch am Boden zerstört sein, allen Mut verlieren.

Und beide Male, wenn ich spüre, was sich in mir positiv und negativ regt, wenn ich meinen Gefühlen freien Lauf lasse, macht sich eins unbestreitbar bemerkbar: ich lebe, ich bin lebendig in meinem Lachen und in meinem Weinen. Und oft genug spüre ich das eine wie das andere in seiner Intensität erst durch den Wechsel, durch das Auf und Ab.

Unterwegs mag man manchmal denken: mit Gott müsste es doch immer nur zu neuen, ungeahnten Höhen gehen, müsste ich wirklich buchstäblich nicht nur Mauern überspringen können, sondern alle Hindernisse müssten von sich aus weichen, ihre Wirklichkeit und ihre Macht über mein Leben verlieren. Und dann findet man sich mit einem Mal in den Niederungen des Lebens, in den Traurigkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit wieder, ohnmächtig und auf den ersten Blick nur auf sich selbst gestellt. Hat sich das Gottvertrauen, der Glaube als Trugschluss erwiesen – oder habe ich mir ein falsches Bild von Gott gemacht?

Das ist die wohl älteste Frage der Menschheit. Die, nach einem gnädigen Gott in den alltäglichen Brutalitäten des Lebens – als ob das eine das andere ausschließt! Die Kinder Israels im Exil, in der Verbannung, in der Gefangenschaft fragten sich, ob ihr Gott stark genug sei, um sie zu bewahren und zu befreien. Wir fragen uns, ob das Leben oder der Mensch oder gar die ganze Welt nicht der Gegenbeweis eines Schöpfers und Weltenlenkers, eines gütigen und gnädigen Vaters sei, der weiß, was wir brauchen, ehe wir darum bitten.

In unserem Predigttext ist von diesem Gott die Rede und darüber, dass selbst Gott ähnliche Gefühle wie wir Menschen kennt. Gefühle wie Zorn und Enttäuschung. Etwa die Enttäuschung über sein Volk, das seine Wege ständig verlassen hatte. Dieses Gefühl: „Ich kann nicht mehr, ich will auch gar nicht mehr. Es ist genug. Zuviel, dass ich es noch tragen könnte“. Das Gefühl, sich abwenden zu wollen – von einem Menschen, oder in diesem Fall einem Volk, welches ihn verletzt und gekränkt hatte. Auch das ist also absolut göttlich und nicht allein eine menschliche Schwäche. Doch gerade das macht unseren Gott zu einem Gott, der nicht ein absolut fernes Wesen ist, sondern zu einem Gott, der es Ernst meint mit seiner Zuneigung und seiner Liebe. Denn nur wer Zuneigung für jemanden empfindet, kann sich verletzen lassen und enttäuscht sein.

Auch in unserem Leben passieren Dinge, von denen wir nicht sagen würden, dass sie gut laufen. Vielleicht sind wir enttäuscht oder verletzt worden. Oder auch der andere Fall, dass wir einen Menschen verletzt oder enttäuscht haben. Oder sogar, dass wir durch unser Tun oder Nicht-Tun Gott verletzten und mit mancher Enttäuschung für ihn aufgewartet haben. Jeder für sich ganz persönlich und wir alle zusammen als Christenheit. Denn es muss für ihn enttäuschend sein, dass wir so wenig von dem angenommen haben, was Christus uns vorgelebt hat. Dass wir so wenig von dem verstanden haben, was er für uns sein will und wie er zu uns steht. Und dass wir persönlich oder als Christenheit so oft andere Wege gehen und seine verlassen haben.

Doch trotz aller Enttäuschung sind es eben nicht die Gefühle von Wut und Zorn, die ihn beherrschen würden. Vielmehr ist es das Gefühl der Reue. Denn selbst der kleine Augenblick, in dem er sich seiner Enttäuschung und seinem Zorn hingab, sein Angesicht für einen Moment verborgen hatte, dieser kleine Augenblick reut ihn. Denn dadurch wurde die Verlassenheit seiner Menschen ja nur noch größer und die Gottesferne nur noch drückender. Über allem steht seine Liebe zu uns Menschen, neben der alle anderen Gefühle verblassen. Sie ist es, die ihn vergessen lassen kann, was geschehen ist. Dem kleinen Augenblick der Enttäuschung steht die ewige Barmherzigkeit gegenüber. Dem kurzen Moment des Zornes, die ewige Liebe.

In unserem Predigttext folgt an dieser Stelle der entscheidende Satz: Es sollen wohl Hügel hinfallen und Berge weichen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll niemals hinfallen.

Manchmal sieht es ja tatsächlich in unserem Leben so aus, als würde drumherum alles in Trümmer fallen. Und es sind gerade diese Stunden, in denen wir meinen, Gott habe uns verlassen. Und wir suchen dann nach Gründen, warum etwas so geschehen ist, oder warum sich Gott vermeintlich von uns entfernt habe. Wir suchen sie oft bei uns selbst, vielleicht, weil wir ihn enttäuscht haben mögen. Doch all solchen Gedanken steht dieses Wort der Bibel gegenüber: „Es sollen wohl Hügel hinfallen und Berge weichen“. Nichts anderes will er uns damit sagen, als dieses: es ist schon höchst unwahrscheinlich, dass ein Hügel, in Jahrmillionen gewachsen, plötzlich ins ich zusammen fällt. Oder dass ein Berg dem Wind, dem Wetter und anderen Gewalten weichen muss. Es ist so unwahrscheinlich. Doch geradezu unmöglich ist es, dass er seine Liebe und Gnade von uns nimmt.

Es mag geschehen, was will, selbst wenn alles um uns herum fällt, alles wankt und weicht. Mit dieser Liebe wird Gott bei uns bleiben, um uns zu tragen, zu halten, Trost zu geben. Egal, auf welchen Wegen wir auch gehen werden, wie weit wir uns vielleicht von ihm entfernen mögen. Weil seine Gnade alles übersteigt. Darauf hat er uns sein Wort gegeben. Vielleicht mögen wir dem misstrauen. Dem, was in der Bibel steht, so, als sei es ja doch bloß Menschenwort. Doch genau deshalb ist er Mensch geworden. Daran erinnert uns die Passionszeit, dass Gott gelitten hat für diese Liebe. Unser Verstand mag uns viel einreden, aber Gottes Liebe ist uns immer sicher. Unsere Vorfahren drückten das – wenn auch in einem ganz anderem Zuammenhang so aus: „Wat de Verstand bütt, kann vergohn, wat de Leuwde meunt, dat blifft bestohn – Was der verstand bietet, kann vergehen, was die Liebe meint, bleibt bestehen.

Amen

Begrüßung:
„Freut euch – allem Leiden zum Trotz!“ Mitten in der Passionszeit erklingt dieser Ruf am Sonntag Lätare. Freuen – warum? Weil schon im Sterben das Leben begriffen ist. Plastisch die Bilder, die Jesus wählt: Nur das Samenkorn, das in die Erde fällt, bringt Frucht. Brot muss verzehrt werden, um stärken zu können. Er selbst ist das Brot für uns, das jetzt schon den Hunger nach Leben stillt. Auch wenn wir nur das Schlimmste sehen: Trost ist ganz nahe. Denn Gottes Zusage gilt: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“

Spruch:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

Eingangsgebet:
Christus, du hast uns gerufen, auf dich und dein Wort zu hören. Du kennst unsere Schwäche. Du weißt, wie leicht wir den Mut verlieren. Du weißt, wie ängstlich wir unsere Schritte setzen. Trotzdem hast du uns gerufen.
Darauf verlassen wir uns. Wirke in uns, wenn es dein Wille ist. Brauche uns und mache uns brauchbar.
Amen

Lieder:
86, 1-4 „Jesu meines Lebens Leben“
396, 1-4 „Jesu meine Freude“
395, 1-3 „Vertraut den neuen Wegen“
171, 1-4 „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“

Schriftlesung: Johannes 12, 20-26
20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.
22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
25 Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Fürbittengebet:
Du, Christus, bist Brot des Lebens und willst es auch für uns sein. Willst unseren Hunger nach Leben stillen, unsere Sehnsucht nach Geborgenheit und unserer Suche nach einem Ziel ein Ende setzen.
Es gibt Momente, da bist du zu spüren. Wir werden satt, du leuchtest uns ein. Nachbarn und Kollegen werden zu Brüdern. Meist aber sehen wir,was noch nicht ist, und die anderen bleiben Fremde, jede Geborgenheit wird teuer erkauft.
Wir bitten dich: dann zeig dich doch. In unserer Phantasie und Beharrlichkeit, wenn es darum geht, die Güter gerecht zu verteilen. Zeig dich dem Nachbarn in unserem Lächeln und dem Kollegen, indem du uns ihm Hilfe sein lässt.
Schenke dich selbst unserem Leben als Ziel, Brot des Lebens, Retter der Welt.
Amen