Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias
Offenbarung 1, 9-18
9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.
10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15 und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Liebe Gemeinde
Der Gemeindeleiter Johannes war „reif für die Insel“. Allerdings nicht, weil er dringend eine Kur brauchte, sondern die römische Staatsmacht hatte das so beschlossen: Der ist reif für die Insel. Sie wollte die Gemeinden der Christen schwächen. Sie empfand es als beleidigend, dass die Christen einen gekreuzigten Aufrührer als den Herrn der Welt verkündigen – und damit den Kaiser zwar respektieren, aber nicht mehr anbeten. Der mochte in irdischen Angelegenheiten das Sagen haben, aber mehr eben auch nicht. Er war doch auch nur ein Mensch. Herr ist Jesus!
Für die Christengemeinde begann damit eine schwere Zeit. Johannes war einer der „Anführer“, darum war er reif für die Insel, wurde nach Patmos verbannt, auf ein ödes Eiland, abgeschnitten von allen anderen Christen. Dort, so dachte die römische Staatsmacht, kann er wohl keinen Schaden anrichten.
Genau dort allerdings begegnet dem Johannes der auferstandene Jesus. Er begegnet ihm auf eine sehr eindrückliche Weise. Johannes hat das nie mehr vergessen. Es war ihm ein ganz besonderes Erlebnis, wirklich ein Schlüsselerlebnis, das ihm eine neue Perspektive eröffnet hat. Wie wenn wir vor einer geschlossenen Tür stehen, finden den passenden Schlüssel und die Tür geht auf.
Noch einmal: Für Johannes war es ein Schlüsselerlebnis. Nicht nur, weil Jesus ihm sehr lebendig gegenübertrat. An die Auferstehung von Jesus hatte Johannes vorher schon geglaubt. Und dass Jesus überall bei ihm ist, wusste Johannes. Dennoch ist er überwältigt von dem, was er hört und sieht. Eine Stimme wie von einer Posaune. Johannes wendet sich um und sieht eine Gestalt wie ein Mensch, aber zugleich viel mehr. Eine Gestalt in göttlichem Glanz. Alle Vergleiche sind nur Annäherungen, eigentlich lässt sie sich nicht beschreiben. Johannes wagt es dennoch.
Die Bilder die uns Johannes hier vor Augen führt, sagen uns nicht mehr so viel. Wir sind auch in einer ganz anderen Situation als Johannes. Wir werden nicht mit dem Tod bedroht, nur weil wir Christen sind. Aber auch wir haben ja Angst in dieser Welt. Wie sieht denn es aus in diesem noch jungen Jahr in der Welt, in unserem Land, in der Gesellschaft? Im Gazastreifen und in der Ukraine ist immer noch kein Friede in Sicht. Wenn es die großen Staats- und Wirtschaftslenker wirklich ernst nehmen würden, wie effektiv könnte der Armut in der Welt begegnet, wie wirksam könnte die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten gestoppt werden. Aber sie nehmen es ja nicht ernst. Klima und Wetter spielen ziemlich verrückt und unser strenger Winter ist ja nur eine Ausnahme. Nein, es wird scheinbar ernster.
Und auch unser eigenes kleines Leben kann einem Menschen ja durchaus Angst machen, ihn zaghaft werden lassen, ihn nach einem Sinn suchen lassen, der hinter all dem steckt.
Unser Leben lang begleitet uns die Frage, wer wir sind, was der Sinn unseres Lebens ist, welche Bedeutung unser Leben hat. Je nach Lebensalter nimmt diese Frage eine unterschiedliche Färbung ein: Ob ich die Anerkennung von Mutter und Vater finde, ist die früheste Frage, die ein Leben lang mitgeht: Dann suche ich Bedeutung in den Augen der Kindergärtnerin und des Lehrers. Immer wichtiger wird dann, was die Gleichaltrigen von mir denken. Ich versuche „in“ zu sein. Ich habe zwar auch eine innere Wirklichkeit, aber all das muss sich auch in den Augen meiner Freundinnen und Freunde bewähren. Und ich muss mich entscheiden, welche Werte mir wichtig ist, welche Freunde mir wichtig sind.
Dann kommen zwei grundlegende, lebenswichtige Entscheidungen: Berufswahl und Partnerwahl. Selbst wenn diese Entscheidungen geändert werden können, sie haben ein Leben lang Folgen. Und ich muss meine Entscheidungen treffen, ohne die Folgen überblicken zu können. Ich kann nicht wissen, wie es mir in meinem Beruf gehen wird und wie mir die Partnerschaft gelingen wird. Ich muss so oder so einen Sprung ins Ungewisse wagen. Gut ist es, wenn ich das Urvertrauen haben kann, mich gehalten zu wissen von einer höheren Macht, die es letztlich gut mir meint.
Dann sind wir in der Mitte des Lebens, damit einhergehend die Frage, ob an den eingefahrenen Bahnen was geändert werden muss und wieso. Ich frage mich, ob ich nur einfach immer älter werde und ob ich nicht noch mehr kann, ob nicht noch viel mehr in mir steckt. Es kommt die Pensionierung und ich halte schon mal Rückschau, bin eigentlich noch nicht so weit. Und es gibt doch noch viel zu tun und zu erleben. Und dann stirbt vielleicht mein Partner und ich muss Abschied nehmen, ein langen, schmerzhaften Weg gehen.
In all dem, was ich aufgezählt habe, gibt es die Bedrohung von Krankheit, Unfall, Trennung und anderen Schicksalsschlägen. All das muss verarbeitet werden, ein langer und schwerer Prozess, härteste Arbeit für die Seele. Auch hier ist es sehr hilfreich, wenn meine Bedeutung bei dem großen Gott verankert ist, wenn ich weiß, dass ich nicht ein Halm im Wind bin, sondern mein Name im Buch des Lebens geschrieben steht und Gott etwas mit mir vorhat und dass auch schwierige Wegstrecken zu dem Weg gehören können, den Gott für mich vorgesehen hat.
Kehren wir noch einmal zurück zu unserem Predigttext. Die ersten Zeilen des Propheten bleiben wohl dunkel und rätselhaft. Wir wollen ihnen auch nicht näher nachgehen. Doch ein Vers kann wichtig für uns sein. In ihm zwei Aussagen die uns nahe gehen können. Darin heißt es zunächst: „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen, wie tot“.
Ja, das gibt es. Dass Menschen angesichts dessen, was sie erleben, zu Boden gebeugt werden, wie tot sind. Vielleicht haben Sie das ja auch schon in Zeiten Ihres Lebens erleben müssen. Da gibt es Begebenheiten, die uns stärker nach dem Sinn unseres Lebens suchen lassen und die es gleichzeitig schwieriger machen, diesen Sinn auch zu entdecken. Sie können uns unfähig machen, einen klaren Gedanken zu fassen, etwa, wie denn unser weiterer Lebensweg aussehen kann, welche Schritte wir unternehmen können, welcher Weg uns zu einem guten Ziel führen kann, welcher in die Irre leitet oder in Sackgasse. Dass wir am Gut-Sein unseres Lebens und an der Welt zweifeln. Ich bin überzeugt, die meisten unter uns haben schon solche Zeiten erleben müssen oder durchleben sie gerade.
Manchmal gehen diese Zeiten dann wieder so vorbei, wie sie gekommen sind, verschwindet die Erstarrung und wir können unsere Wege ganz normal weitergehen. Manchmal aber halten sie an, auch wenn wir sie nicht immer spüren, belasten doch uns ein ganzes Leben lang, lassen allen Sinn an unserem Leben wieder aufs Neue zweifelhaft erscheinen. Manchmal besonders dann, wenn wir an unseren Gott denken, wenn wir versuchen, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, wenn wir uns ihm nähern und er doch so gewaltig, so mächtig erhaben scheint, dass wir keinen rechten Zugang finden. „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen, wie tot“.
Doch dann geht es weiter in dem Vers: „Und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte“. Ist das nicht wirklich schön? Da wo wir erstarrt liegen, wie tot, wo wir meinen, allein zu sein und von Gott verlassen, weil er so hoch erhaben sei, weit weg von meinem Schicksal, da kommt er uns nahe. Er spricht zu uns: „Fürchte dich nicht“, sagt er. Ja, er redet uns an, uns ganz persönlich. Fürchte dich nicht, sagt er. Er meint uns ganz persönlich. Uns, in unserer ureigenen Angst und Sorge, uns mit unseren ungelösten Fragen, uns mit unseren Zweifeln. Das ist so wichtig, dass er uns persönlich anspricht, dass er genau um uns Bescheid weiß, dass wir für ihn nicht irgendein Individuum aus der Masse vieler sind, sondern ein kostbares Einzelstück, etwas Einzigartiges und trotz unserer Einzigartigkeit ihm vertraut und bekannt wie keinem anderem. „Hab keine Angst“, sagt er. „Ich bin bei dir“. Wir dürfen ihm vertrauen.
Früher sahen die Menschen hier in Lippe viel der Natur ab. So bemerkten sie zum Beispiel, dass die Hainbuche im Herbst nicht alle Blätter verliert. Der Volksmund deutete dieses als Angst und Glaubensschwäche. Wer weiß, ob es im nächsten Frühjahr neues Laub gibt. Und so sagten sie: „Heuneboikenglaube maket dat Lieben schwor“. – „Hainbuchenglaube macht das Leben schwer“.
Amen
Begrüßung:
Es gibt Momente, in denen sehe ich völlig klar. Für einen Augenblick erscheint mir mein Leben wie von Licht bestrahlt, da weiß ich genau, wer ich bin und wohin ich gehe. Bergerfahrungen sind das, voller Überblick und Klarheit.
Von einem lichten Erlebnis spricht der letzte Sonntag nach Epiphanias. Auf einem Berg sehen die Jünger Jesus verklärt und erkennen: Dies ist Gottes Sohn. „Hier ist gut sein“ sagt Petrus. „Lass uns Hütten bauen.“ Wie der Seher Johannes auf Patmos. Alle nehmen den hellen Schein mit, der sie ermutigt, weiter in Gottes Licht zu leben.
Wochenspruch:
Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Eingangsgebet:
Ja, guter, menschenfreundlicher Gott, du bist unsere Zuversicht. Du bist die wahre Sonne der Welt, die immer aufgeht und niemals unter; du belebst alles durch dein tröstliches Kommen und erfüllst uns mit Freude.
Wir bitten dich: Scheine barmherzig in unsere Herzen, dass die dunkle Nacht weicht und unser Leben hell wird in deinem Licht. Mach dein Wort lebendig unter uns, dass es unsere Herzen trifft und erneuert, ermutigt und tröstet – ein Licht auf unserem Weg.
Amen
Lieder:
334,1-6 „Danke für diesen guten Morgen
72, 1-6 „O Jesu Christe, wahres Licht“
66, 1+2 „Jesus ist kommen“
Schriftlesung: Matthäus 16, 13-20
13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? 14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? 16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon; denn Menschen haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. 19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.
20 Da gebot er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.
Fürbittengebet:
Guter Gott, du hast uns eine andere Herrlichkeit gezeigt, als den Glanz der Mächtigen und den Sieg der Gewalt. Wo wir dich als schwach erfahren, setzt du dich durch. Wo wir bedrängt werden, gibst du uns Raum.
Wir bitten dich für alle, die aus ständiger Sorge um ihr eigenes Fortkommen und ihren Erfolg unempfindlich geworden sind für ihre Mitmenschen.
Wir bitten dich für die, die deinen Willen begreifen und unsere Welt auf den Weg bringen wollen, der zum Frieden führt. Wir bitten dich auch für die, die dabei mutlos werden, denen das Licht der Hoffnung erlischt, weil sie deine Herrlichkeit nicht mehr sehen.
Wir bitten dich für die, die bereit sind, mit dir zu leiden, den Teufelskreis von Hass und Gewalt zu durchbrechen, die der Kraft der Liebe mehr zutrauen als dem Aufrechnen der Gerechtigkeit.
Wir bitten dich für alle Menschen in den Krisen- und Kriegsgebieten unserer Zeit. Wir bitten dich für die, die du erreichen willst mit deinem Licht und denen ihr Leben verdunkelt ist. Lass uns und sie alle nicht verzagen, sondern darin umso klarer erkennen, dass du die Quelle des Lebens bist, Licht, um unsere Welt hell zu machen.
Amen.