Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis
Jeremia 1, 4-12
4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
11 Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. 12 Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.
Liebe Gemeinde
Eigentlich ist das ja eine ganz schöne Geschichte, diese Geschichte von der Berufung des Propheten Jeremia. So, wie das ganze Buch Jeremia eines der schönsten ist, das uns in der Bibel begegnet. Schön deshalb, weil da plötzlich hinter all den Geschichten, Fakten, Fabeln und drögen Texten, die wir vermeintlich in der Bibel zu finden glauben, ein Mensch hervortritt. Ein Mensch mit seinen Schwächen und Stärken, mit seinen Zweifeln und seiner Wut gegen Gott. Schön deshalb, weil wir sehen können, dass all die glaubensstarken und heldenhaften Gestalten der Bibel eben auch nur mit Wasser gekocht haben, dass auch sie ihre Zweifel hatten, dass auch sie Überforderung spürten.
Jeremia war solch ein Mensch. Irgendeines schönen Tages hört er die Stimme Gottes. Müßig, darüber nachzudenken, wie es geschah. Vielleicht durch einen Traum, eine innere Stimme oder was weiß ich. Jedenfalls: Er hört sie. Laut und deutlich. Und irgendwie ahnt er, dass das nicht unbedingt etwas Gutes verheißen kann. Irgendwie merkt er. „Au weia! Jetzt geht es zur Sache“.
Im Grunde fängt alles ganz harmlos an mit dieser Stimme, die sich da bemerkbar macht und von der er ahnt, dass sie etwas mit Gott zu tun hat. Zunächst etwas, das die Nerven beruhigt: „Ich kannte dich von Mutterleibe an. Ich bin bei dir. Hab keine Angst“. Doch immer, wenn jemand sagt: „Hab keine Angst“, muss man sehr auf der Hut sein. Jeremia wusste das auch. Danach kommt nämlich das dicke Ende: „Ich habe dich zum Propheten bestimmt für die Völker“. Punkt. Aus. Ende der Debatte. Gegenwehr ist nicht möglich.
Aber Jeremia ist nun gar nicht einverstanden mit der Angelegenheit: „Moment mal. Eigentlich will ich gar kein Prophet sein“. Händeringend sucht er nach einem Grund, ablehnen zu können. Nach einer guten Ausrede. Doch ihm fällt in diesem Moment nur eines ein: „Ach Herr. Ich tauge überhaupt nicht zu einem Propheten. Ich bin doch noch viel zu jung.
Besonders gut war diese Ausrede nicht und geholfen hat sie ihm auch nicht. Denn wir wissen, dass es schließlich ein ganzes Buch gefüllt hat. Doch wir alle hier können gut nachvollziehen, warum Jeremia sich so ziert. Er hat Angst vor dem, was da auf ihn zukommen kann. Er hat Angst davor, sich lächerlich zu machen. Er fürchtet sich davor, dass ein Großteil seiner Freunde sich von ihm wenden würde. Er hat Angst davor, anzuecken – gerade bei den Großen und Mächtigen. Und er wird anecken, denn das ist die Aufgabe eines Propheten. Sie würden versuchen, ihm nachzustellen, weil sie um ihre Pfründe fürchten, weil er einfach nur unbequem ist. Er ahnt, dass die, denen er Gottes Wort zu sagen hat, allerlei anstellen würden, um ihm das Maul zu stopfen.
Und Jeremia wusste um seine eigene Schwäche, um seine Zweifel. Er fühlte sich nicht als der starke Glaubensheld, und er war es auch nicht. Bei Lichte betrachtet hatte er nicht einen blassen Schimmer von diesen Dingen, abgesehen von dem, was er so mitbekommen hatte, wenn sein Vater den Tempeldienst versah. Aber mit Glauben hatte das eher wenig zu tun. Er zweifelte an sich selbst und an Gott. Er zweifelte, ob er diesen Glauben würde vertreten können. Ob er die Kraft besäße, das, was von ihm erwartet wurde, auch in jeder Situation durchzuhalten. Viel lieber wollte er in Ruhe gelassen werden. „Ach Herr. Ich bin doch viel zu jung“!
Jeremia ist trotzdem der Prophet geworden, zu dem Gott ihn berufen hatte. Und es ist auch genauso gekommen, wie Jeremia es befürchtet hatte. Sogar noch schlimmer. Es war ein Weg in die Einsamkeit. Seine Freunde haben ihn verlacht, seine Familie hat sich gegen ihn gewandt. Er war den Mächtigen ausgeliefert und seine Spur verliert sich im Dunkel von Vertreibung und Flucht. Und es gab Momente, da ist er schier an Gott verzweifelt und lässt sich sogar hinreißen, ihn zu beschimpfen. Nennt ihn einen trügerischen Bach. „Ach Herr, ich bin doch viel zu jung“!
Vielleicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen das so ausführlich erzähle. Keiner von uns ist wie Jeremia, sagen wir. Wir haben keine Gemeinsamkeiten mit ihm. Aber ist das so? Natürlich werden die wenigsten von uns eine Stimme gehört haben, wie Jeremia damals. Aber haben wir deshalb nicht auch einen Auftrag von Gott bekommen? Wir, die wir in der Nachfolge Jesu stehen? Ja, es ist so. Da wäre zumindest der Auftrag, von ihm zu erzählen. Wenigstens das. Und weiter: uns zu ihm auch zu bekennen. „Ja, ich gehöre zu denen, die sich an die Kirche halten, die durchaus etwas mit ihr anzufangen wissen. Die sehr wohl eine Ahnung davon haben, dass es jemanden gibt, der jenseits von allen menschlichen Vorstellungen sein heimliches Regiment führt“.
Vor diesem Hintergrund können wir vielleicht doch ein paar Ähnlichkeiten bezüglich des Jeremia feststellen. Ja, viele Menschen benutzen nur zu oft die gleiche Ausrede. Ich bin zu jung! Das hat doch noch Zeit. Zur Kirche kann ich auch später noch. Zum anderen haben diese Ausreden auch ihren Grund. Es ist ja nicht bloß Faulheit oder Gleichgültigkeit. Bei uns, die wir heute Morgen hierher gekommen sind, sowieso nicht. Aber stellen wir das nicht trotzdem manchmal sogar bei uns selbst fest? Auch wenn wir nicht wie Jeremia befürchten müssen, verfolgt zu werden, so haben wir doch eine gewisse Scham, uns zu bekennen. Am Arbeitsplatz, bei den Freunden und Bekannten, ja sogar innerhalb der Familie. Das geht den meisten Menschen so. Sie stehen damit nicht alleine. Was werden die anderen sagen. Was werden sie von mir denken.
Und es ist ja nicht nur, dass wir von unserem Glauben erzählen sollten. Das Prophetenamt auszuüben meint sehr viel mehr. Jeremia wird zu den Reichen und Mächtigen geschickt. Er soll anklagen, soll sagen, was falsch läuft im Lande. Soll sich auf die Seite derer stellen, die zum Spielball der Macht geworden sind. Soll Veränderungen herbeirufen. Wo geschieht das bei uns? Wer sagt denn den Politikern wirklich in der Deutlichke4it wie Jeremia, dass man jene, die ohnehin ganz unten in der sozialen Kette stehen und darunter leiden, nicht auch noch diffamiert? Wer sagt ihnen, dass es nicht angehen kann, ein politisches Mandat auszuüben und gleichwohl die Knete irgendeines Konzerns einzusacken. Wer tritt denn ein für die Menschen in der dritten Welt?
Lassen wir uns nicht täuschen: Gefordert sind wir alle. Und Ausreden zählen nicht. Wir sind gefordert. Denn die, die im Schatten stehen, haben keine anderen Stimmen, als die unseren. Doch welche Verheißung liegt auch in dieser Beauftragung! „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen“. Wir sind gemeint. Wir kleinen Lichter sollen eine Macht bekommen, die schier unbeschreiblich ist. Über ganze Völker will er uns setzen.Wir sollen die Kraft bekommen, Mauern einzureißen, das Übel an der Wurzel zu packen.
Gott will uns nicht einfach einen Auftrag erteilen. Nein. Zwei entscheidende Aussagen Gottes stehen in unserem Text. Die erste: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete“. Jeremia, überhaupt wir alle, wir sind ja keine Unbekannten vor Gott. Er kennt uns genau. Er weiß um unser Dasein, um unser Leben, um jede einzelne Station, die wir darin durchschritten haben. Noch bevor wir den ersten Schrei getan haben, hatte er schon eine Ahnung von uns. Das heißt ja nicht, dass unser ganzes Leben schon vorprogrammiert gewesen sei. Es heißt nur, dass er um uns weiß, weil er uns keinen Moment aus den Augen gelassen hat und uns auch nicht aus den Augen lassen wird. All die Erlebnisse, von der frühesten Kindheit an bis zu diesem heutigen Tag, die hat er mit uns geteilt. Auch wenn wir das so gar nicht mitbekommen haben und gar nicht so sehr darauf geachtet haben. Dennoch war es so. Er war da. Hat uns manchmal gebremst, wenn wir zu forsch waren, hat uns ein anderes Mal vielleicht einen Anstoß gegeben, ohne uns unseren freien Willen zu rauben. Hat getragen und gehalten.
Darum sagt er: Ich kenne dich genau. Er weiß um unsere Zweifel und Ängste. Er weiß, dass wir uns schwach fühlen. Doch das alles ist kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, sich zurückzuziehen oder sich selbst Vorwürfe zu machen. Für ihn spielt das alles gar keine so große Rolle. Entscheidend ist nicht, wie sehr sich jemand engagiert und Feuer und Flamme sein kann oder auch nicht. Entscheidend ist, dass jemand überhaupt die Aufgabe erkennt und bereit ist, sie anzunehmen. Alles Weitere wird sich dann zeigen.
Die zweite Aussage ist die, dass er Jeremia sagt, er brauche keine Angst haben. Im ersten Moment klingt das sogar ein wenig höhnisch. Wir wissen ja, wie es dem Jeremia ergangen ist. Doch Gottes Aussage meint ja nicht, dass dem Jeremia schon nichts passieren werde. Nein, dann hätte Gott ihn wirklich getäuscht und auch wir könnten ihm nicht vertrauen. Die Aussage meint, Jeremia brauche sich nicht zu fürchten, weil er nicht allein sein wird. Weil Gott ihm treu zur Seite stehen wird. Weil Gott ihn nicht verlassen wird, wenn es knüppeldick kommt. Weil er ihm Trost, Kraft und Stärke geben kann zu sagen, was zu sagen ist. Weil er ihm die nötigen Worte in den Mund legen wird.
Denn es ist nicht unsere Sache, um die es geht. Es ist die Sache Gottes! Und die wendet sich immer den Menschen zu. Denen, die keine andere Chance haben. Doch sie haben unsere Stimme. Und wir sollten sie auch erheben. Wir können Prophet sein. Tun wir es doch einfach mal. Wir müssen lediglich Vertrauen in unseren Gott haben. Denn wie sagt man doch? Wenn eune Vertriuen hät, kann heu olles möglek maken. – Wenn einer Vertrauen hat, kann er alles möglich machen.
Amen.
Begrüßung:
Welche Sicherheiten habe ich? Womit kann ich rechnen? Oft ist mir mein Leben undurchsichtig und die Welt um mich verändert sich schnell. Dann will ich nichts riskieren, einfach nur dahinleben. Doch der 9. Sonntag nach Trinitatis beunruhigt.
Wer sich auf Gott einlässt, muss auf Überraschungen gefasst sein – wie Paulus, dessen Werte durch die Begegnung mit Jesus auf den Kopf gestellt werden, wie Jeremia, der sich für zu jung hält und trotzdem zum Propheten berufen wird, wie der Mann, der auf einen Schatz stößt und spontan seinen ganzen Besitz dafür verkauft. Nur wer etwas riskiert, wer seine Gaben Gott und den Menschen zur Verfügung stellt, wird letztlich reich dastehen. Welch ein Paradox: Nur wer sich nicht auf weltliche Sicherheiten verlässt, dessen Lebenshaus steht auf festem, sicherem Grund.
Spruch:
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.
Eingangsgebet:
Ewiger Gott.
Unsere Herzen hungern nach dir, warten darauf, gesättigt zu werden. Warten auf die Gewissheit: Du bist da! Warten auf die Berührung durch deinen Geist, warten auf neue Kraft.
Komm zu uns. Sei bei uns, berühre uns und stärke uns, dein Volk. Damit wir dich hier ehren können und in der Welt handeln.
Amen
Lieder:
440, 1-4 „All Morgen ist ganz frisch und neu’“
325, 1-4 „Sollt ich meinem Gott nicht singen“
346, 1-3 „Such wer da will ein ander Ziel“
347, 1-6 „Ach bleib mit deiner Gnade“
Lesung: Philipper 3, 7-11
7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.
10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
Fürbittengebet:
Guter Gott.
Du willst uns aus unserer Resignation herausführen. Höre unser Gebet.
Stärke unsere Hoffnung, dass es sich lohnt,für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen.
Gib uns das Gespür für unsere Möglichkeiten und unsere Grenzen.
Sei du unser langer Atem, wenn es gilt, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen.
Durch das Beispiel deines Heilands, unseres Bruders Jesus Christus.
Ermutige uns, heute und alle Tage.
Amen