Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis
Apostelgeschichte 4, 32-37
32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes -, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.
Liebe Gemeinde
Sie saßen am Tisch zusammen, Vater und Sohn, und wie jeden Abend blieben sie nach dem Abendessen noch ein wenig beisammen. Der Vater erzählte von früher, der Sohn interessierte sich sehr dafür, wie die Menschen früher miteinander gelebt haben. Und manchmal fragte der Vater den Sohn, wie er sich sein Leben vorstellte, welche Träume er hätte und welche Hoffnung. Und immer wieder einmal sprach der Sohn von seiner Idee gemeinschaftlichen Zusammenlebens. So auch an diesem Abend.
„Wie wäre es, wenn wir unser Haus öffnen für andere Menschen und mit ihnen unseren Besitz teilen?“ So konkret hatte der Sohn das noch nie formuliert. Das Haus war seit Jahrhunderten im Familienbesitz – eine stolze Messingtafel neben dem Eingang informierte darüber. „Hör mir bloß auf mit solchem Zeug!“ Mit einer schnellen Handbewegung fegte der Vater den Traum des Sohnes vom Tisch. „Immer diese kommunistischen Ideen, das funktioniert doch nicht“.
Ohne Angst beschreibt nun aber der Sohn seinen Traum: „Ich stelle mir das so vor: dass Menschen – egal wo, das muss ja nicht in diesem Haus sein – miteinander leben und jeder seinen Besitz so mit den anderen teilt, dass niemand Mangel hat; das ist eine Gütergemeinschaft, die schon bei den ersten Christen versucht wurde – das ist kein Kommunismus, sondern ein freier Umgang mit seinem Eigentum. Wenn einer Mangel leidet, dann gibt ein anderer von seinem Besitz etwas ab. Ich mag das nicht, wenn alle so an ihrem Eigentum kleben und es für das Wichtigste im Leben halten, das Eigene zu vermehren, den Besitz zu vergrößern.“ Der Vater streicht mit seiner Hand über die grobe Tischplatte und schaut seinen Sohn lange an.
Selbstverständlich zeichnet die Apostelgeschichte ein idealisiertes Bild von den Anfängen der ersten Christengemeinden: das einmütige Beisammensein in den Häusern, der Gottesdienst dort und die Gütergemeinschaft. Lukas, der die Apostelgeschichte geschrieben hat, ist aber auch so ehrlich, von Konflikten und Betrug innerhalb dieser ersten Christengemeinden zu berichten.
Dieser Rückblick auf unsere christlichen Anfänge ist durchaus spannend und auch für uns heute zukunftsweisend. Lukas will mit seiner Erzählung in die Gemeinden nach innen wirken und zugleich betont er die Außenwirkung. So, wie die Christen leben, so werden sie wahrgenommen. Ihr Leben ist wie Verkündigung des Wortes Gottes. Sie müssen anders leben als die Menschen, die nicht erlöst sind.
Das merkt man an ihrer Einmütigkeit und an der Gütergemeinschaft. Da schämt man sich über einen anderen, der auch Gemeindeglied ist – wie kann der nur so handeln. Da sagt eine, die ohne Konfession lebt: „Also bei den Christen ist es auch nicht besser als bei den anderen. Scheinheilig finde ich das“. Und natürlich gibt es auch Kirchengemeinden, in denen großer Streit herrscht.
Am Miteinander muss man arbeiten – ein Herz und eine Seele werden, das ist Ziel und Wunsch und Arbeit. Ja, man kann zugespitzt sagen: Ein Herz und eine Seele werden wir nur, wenn wir beten – füreinander. Es betet sich leichter, wenn man voneinander weiß. Es gibt es noch andere Wege, wie wir voneinander erfahren – von dem, was einen anderen belastet oder freut, was ihr Sorgen bereitet oder großes Glück bedeutet. Not macht erfinderisch. Auch die Gebet-Not macht erfinderisch.
Ein Herz und eine Seele sein – das ist Auftrag, Ziel und Arbeit. In der Apostelgeschichte steht auch, dass es Gnade ist: und große Gnade war bei ihnen allen. Das Leben einer Gemeinschaft will ehrlich betrachtet werden, ebenso wie die Außenwirkung einer Gemeinschaft: Wie wirkt das Zusammenleben auf andere? Sind wir als Gemeinde eine verschworene Gemeinschaft? Wir drinnen, die draußen? Wie passt dieses Gemeinschaftsbild zu unserer Gesellschaft? Wie passt das zu unserem Willen, uns zu öffnen? Freimütig allen einen einfachen Zugang zum Evangelium zu ermöglichen – wie geht das?
Wie wäre es, heute Morgen damit anzufangen, weiterzubauen an unserer Gemeinde? Vielleicht beginnt es damit, dass wir jemanden fragen oder jemand dich fragt: „Wie geht es dir? Wie geht es dir wirklich?“ Vielleicht zeigt es sich darin, dass wir heute, morgen, übermorgen jemandem etwas geben, nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es wollen. Vielleicht fängt es damit an, dass wir, wenn wir etwas brauchen, uns trauen, es anzunehmen von einem Bruder oder einer Schwester. Vielleicht trauen wir uns zu denken: Ich gehöre zu Gottes Familie. Ich bin hier und ich bleibe in Seiner Hand.
Und dann vielleicht wird immer mehr wahr, was da beschrieben ist: die Einheit der Gläubigen. Ja, ganz sicher ist unsere Gemeinschaft nicht perfekt. Aber sie ist echt, nicht groß, aber lebendig, nicht ideal, aber wahr.
Gott braucht keine perfekten Menschen. Ich denke, Er braucht Menschen, die bereit sind, da zu sein mit dem, was sie können, Menschen, die sich nicht verstecken, sondern sich zu zeigen trauen, Menschen, die bereit sind, mit anzupacken und weiter zu hoffen, Menschen, die aus dieser Hoffnung leben, aus der Kraft, die Jesus Christus mit seinem Leben und Auferstehen geschenkt hat, so, wie damals.
Ich muss meinen Weg finden mit meinem Glauben, mit meinem Gewissen und mit Schwestern und Brüdern – aber auch mit den Anderen, mit den Menschen, denen ich begegne, von denen manche auch eine Herausforderung sind. Alles hin und her Rennen zwischen all den gut gemeinten Vorschlägen und Angeboten hilft nicht. Denn wie sagt man doch? Olle dat Laupen helpet nich, wenn’t nich uppen rechten Wege ess. – All das Laufen hilft nicht, wenn es nicht auf dem rechten Weg ist.
Amen
Begrüßung:
Die einen predigen Gesundheit oder Erfolg, andere Reichtum oder Schönheit. Im Dschungel der fast unbegrenzten Sinnangebote kann man sich leicht verlaufen.
Welche Heilsversprechen führen in die Irre? Welche der mir angebotenen Wege führen wirklich zum Leben, sind von Gott? Der 1. Sonntag nach Trinitatis ermuntert dazu, achtsam zu bleiben für die Stimme Gottes zwischen den vielen Stimmen um uns. Dazu gibt es Hörhilfen: die Worte und Werke Jesu, das Zeugnis von Mose und den Propheten, ein Bekenntnis, das an Gott allein festhält und nach Gottes Willen fragt. Wer dem aufmerksam folgt – und vor Schwierigkeiten nicht flieht wie Jona –, der geht den Weg der Liebe, die sich furchtlos und freigiebig dem anderen zuwendet.
Spruch:
Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lukas 10, 16)
Eingangsgebet:
Gott des Lebens, durch Menschen, die du berufen hast, erfahren wir deinen Willen. Öffne unsere Herzen, damit wir dein Wort hören, das du durch sie zu uns sprichst. Öffne unsere Augen, damit wir den Weg erkennen, den andere vor uns gegangen sind und der uns zum ewigen Leben führt. Durch Jesus Christus, deinen Sohn, unserem Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen
Lieder:
503, 1-4 „Geh aus mein Herz“
133, 1-4 „Zieh ein zu deinen Toren“
667, 1-3 „Wenn das Brot, das wir teilen“
607, 1+3 „Herr, wir bitten, komm und segne uns“
Schriftlesung: 5. Mose 6, 4-9
4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
5 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
6 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
Fürbittengebet:
Herr, allmächtiger Gott, du willst, dass wir es uns hinter die Ohren schreiben: du bist unser Gott, du bist es alleine. Wir bitten dich, hilf uns die Furcht ablegen, die uns hindert, von dir zu erzählen. Lass uns mutig sein, damit wir die Botschaft von der Torheit des Kreuzes den Klugen dieser Welt vorhalten können: den Politikern, den Mächtigen in Wirtschaft und Militär, denen, die ihr Vertrauen allein auf’s Geld setzen.
Hilf uns, dass wir frei werden von der Angst, die der Tod uns macht. Lass uns das Leben spüren, das über diese Zeit hinaus geht, das geborgen ist in dir und aus der Quelle des Lebens Kraft schöpft und Hoffnung, auch über den Tod hinaus.
Hilf uns, dass wir frei werden von der Angst vor dem sozialen Abstieg durch Arbeitslosigkeit, durch steigende Kosten. Lass uns erkennen, dass wir dir wert sind, dass du uns liebst und trägst, auch dann, wenn wir in dieser Welt nichts mehr haben. Du sorgst für uns. So sorge du auch für die, die weniger haben als wir, die nicht wissen, was morgen sein wird. Mache unsere bereit, zu teilen.
Hilf uns, dass wir frei werden von der Angst vor der Einsamkeit, wenn wir alt werden und gebrechlich. Lass uns deine Nähe spüren, auch durch Menschen, die du zu uns sendest als Boten deiner Liebe. Lass uns selbst solche Boten sein für die, die in Einsamkeit vergehen.
Lass uns Gemeinde sein, indem wir uns auf deinen Geist einlassen und uns von ihm antreiben lassen, Liebe zu üben, damit Friede werde. Das bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen