Predigt am Sonntag Misericordias Domini

1. Petrus 2, 21-25
21b denkt daran, dass auch Christus gelitten hat und zwar für euch. Ein Beispiel hat er euch hinterlassen, und ihr sollt seiner Spur nachgehen. 22 Er hat keine Sünde begangen. Niemand hat je Lüge oder Täuschung an ihm erlebt. 23 Als man ihn beschimpfte, gab er nicht zurück. Er litt, aber er drohte nicht. Er gab seine Sache ganz dem in die Hand, der am Ende gerecht richten wird. 24 Alle unsere Sünden hat er mitgenommen, als man seinen Leib an das kreuz hängte, und hat sie durchlitten (ohne zu sagen: Mich gehen diese Sünden nichts an! Ich bin unschuldig) Nun sind wir von unserer Schuld frei und sollen gerecht sein, das heißt: handeln, wie er. Er ist für euer Unrecht verwundet worden. Nun seid ihr heil! 25 habt ihr nicht gelebt wie verstreute und verirrte Schafe? Nun hat euch ein Hirte gesammelt, der Hirte und Wächter eurer Seele

Liebe Gemeinde
Wie war das eben? „Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt…“ Ich soll Christus als Vorbild predigen? Den Leidenden zum guten Beispiel machen? Den Gekreuzigten als Idol zum Nacheifern? Und aufrufen soll ich: „Folgt seinen Spuren! Auf, ihm nach! Werdet wie er!“ Da möchte man am liebsten wieder von der Kanzel steigen… Der leidende, geschundene, sterbende Mann am Kreuz…als Vorbild???

Mir fallen andere Vorbilder ein. Ich könnte über Elvis reden, den gefeierten Popsänger, über seine bekanntesten Lieder, seine größten Erfolge, seine Millionen… So möchten viele gerne sein: umjubelt wie er bei seinen Auftritten, überall im Mittelpunkt, in den Spalten jeder Zeitung…

Ich könnte von einer Führungspersönlichkeit aus Politik und Wirtschaft sprechen, dem Präsidenten an der Spitze einer Weltmacht oder einer Großbank. Vom enormen Einfluss, dem Gewicht seines Wortes, der Bedeutung des Amtes, der Tragweite aller Entscheidungen… So möchte man doch sein: Mächtig, etwas zu sagen haben, am Drücker sitzen, die Fäden in der Hand… Sogar vom Marlboro-Mann aus der Zigartennewerbung könnte ich reden, der mir Freiheit und Abenteuer verheißt. Von seinem wilden, unabhängigen Leben draußen in der Weite der Prärie, keinen Zwängen unterworfen, frei vom Diktat eines Kalenders, von Terminen, immer in der Natur… So möchten viele sein: Markig, stark und verwegen, Wind in den Haaren, gut Freund mit der Wildnis, raus aus dem Käfig der Zivilisation, weg von der Enge, der Langeweile, dem Immer-so-weiter.

Und mir kommen auch noch andere Vorbilder in den Sinn: Albert Schweitzer, Mutter Teresa, Nelson Mandela… Über die alle wüsste ich etwas zu sagen, als beispielhafte Menschen, meine ich, als Idole… – Aber ich soll über einen Ohnmächtigen reden, einen Misshandelten, einen Gequälten, einen, den sie wie den letzten Verbrecher ans Holz genagelt haben… Wie soll das gehen?

Da schaue ich sie mir lieber noch ein wenig an: meine Vor-Bilder, die Stars, die Mächtigen, die Reklamehelden… Gewiss, ich weiß ja doch: Das sind Träume, Illusionen; die Wirklichkeit sieht anders aus. So werden wir nie sein – auch nicht als Mitarbeiter in der Kirche. Wir werden niemals solch rauschende Erfolge feiern wie Elvis, niemals Superstar sein, selbst wenn wir bei uns im Singekreis mitsingen. Wir werden niemals im Vorstand eines riesigen Konzerns das sagen haben, bestenfalls im Kirchenvorstand, und selbst dort ist es gute Sitte geworden, dass nicht einer oder eine allein das Sagen hat. Wir werden es mit unserer Gemeinde niemals auf die Titelseiten einer großen Tageszeitung schaffen, bestenfalls einmal im Lokalteil der Landeszeitung erwähnt werden. Wir werden auch niemals so heroisch selbstlos wie Albert Schweizer und Mutter Teresa sein, obwohl wir alle hier, die bei „Kirchens“ mitarbeiten, doch auch eine Menge schaffen.

Doch die Wirklichkeit sieht noch in anderer Hinsicht ganz anders aus: Das „herrliche“ Dasein eines Elvis endete mit frühem Herztod, andere sagen, er habe sich überfressen mit süßem Zeug und Torten, weil ihm, dem angehimmelten, verehrten, angebeteten Liebling, die Liebe gefehlt hat.

Die Machtfülle eines Wirtschaftsbosses oder Staatspräsidenten, ist sie nicht auch eine furchtbare Belastung? Raubt einem das nicht den Schlaf, zu wissen: Jeder deiner Entschlüsse kann unabsehbare Folgen haben, weltpolitische Verwicklungen größten Ausmaßes; du verantwortest Krieg und Frieden.

Der verwegene Marlboro-Reiter… Wahrscheinlich steigt er nach der Aufnahme, die mich auf dem Werbeplakat so anspricht, von seinem Vollbluthengst, der nicht ihm gehört, in sein Dutzendauto. Dann fährt er zu seinem Reihenhaus in irgendeiner durchschnittlichen Wohngegend, wo er sein durchschnittliches Leben führt: ganz und gar nicht verwegen, ganz und gar nicht abenteuerlich. Und dann stirbt er früh an Lungenkrebs.

Sicher kommt das der Wirklichkeit näher als meine Träume, meine Wunschbilder. Ich weiß das ja auch alles, aber ist es denn nicht schön zu träumen? Ist es denn nicht schön, Luftschlösser zu bauen? Ist es denn nicht schön, Hirngespinsten nachzuhängen? Gesetzt der Fall, die Stars säßen wirklich ganz auf der Sonnenseite und nichts trübte ihre glücklichen Tage, gesetzt der Fall, die Machthaber könnten ihren Einfluss und ihre Gewalt wirklich so recht genießen, gesetzt der Fall, es gäbe sie wirklich, die Marlboro-Freiheit, dieses wilde, abenteuerliche, ungebundene Leben… Wäre das wirklich schön?

Ja müsste mir denn da nicht die ganze bittere Wahrheit bewusst werden, die da heißt: Die Plätze oben, an der Spitze, im Rampenlicht, dort, wo man den Beifall bekommt, die sind ja doch alle schon besetzt! Da ist kein Raum mehr für Leute wie mich. Die oben sind, die haben nicht gewartet auf einen wie mich! – Wie schäbig käme man sich da auf einmal vor, minderwertig und klein. Wie fühlt man sich da in den Winkel gestellt, abgedrängt, zu kurz gekommen. Nein, es ist alles andere als schön, das zu erkennen und dazu zu stehen: Dass es Höhen des Ruhmes gibt, der Macht und der Freiheit, die nicht für unsereiner bestimmt sind! Wir langen da nicht hin, mögen wir uns noch so sehr zur Decke strecken. Solche Höhen bleiben unerreichbar für unsereins.

Und dann: der gemarterte. Andererseits…das muss man ja sagen: Es ist ein ehrliches Bild, das dieser Gekreuzigte bietet. Da ist alles echt, kein Schein. Das ist wirklich ein so unrühmlicher Tod; so hat man sonst die Kriminellen hingerichtet. Er ist wirklich so ohnmächtig wie er aussieht, hat sich ganz und gar in die Willkür seiner Peiniger gegeben. Und das passt auch zu dem übrigen Leben dieses Menschen: im Viehstall geboren, Freund der Armen und Rechtlosen, Tischgenosse der Sünder und Dirnen, ohne Behausung, ohne Habe und Einfluss… Dieser Tod am Kreuz ist wie das letzte Glied in einer Kette: Alles stimmt zusammen, als hätte es so sein sollen!

Und nun merke ich: Der Jesus am Kreuz, der passt ja auch zu all den anderen Bildern in meinem Kopf, die mich nicht loslassen, die mich Tag für Tag immer aufs Neue bestürmen: Die Bilder menschlicher Qual, wie Menschen behandelt werden, leiden und dulden müssen. Da ist ja auch nichts vorbildlich, vielmehr alles durchschnittlich, von beharrlicher Alltäglichkeit. Das müde gewordene Gesicht der alten Frau, die so schwer an ihrem Einkaufskorb trägt, das zermürbte Gesicht des Fließbandarbeiters, der von der Schicht kommt, die hoffnungslos und traurig gewordenen Züge einer Witwe. Und manchmal, grell dazwischen, die Bilder der Katastrophen unserer Zeit: Aufgequollene Kinderbäuche im Sudan, Opfer von Krieg und Terror im Nahen Osten, zerstörte Städte in der Ukraine. Keine Vorbilder, diese Bilder! Aber eben welche, die nicht täuschen, die mir nichts vormachen. Und da habe ich jetzt doch das Gefühl, dass diese Bilder, so bedrängend sie sind, ehrlicher mit mir umgehen als jene Vorbilder der Wirtschaftsführer oder des Marlboro-Mannes. Und er, der Gekreuzigte passt da hinein, in diese Welt der ehrlichen Bilder.

Wenn wir ihn nun doch einmal nur einen Augenblick als Vorbild gelten lassen, könnte er uns zeigen, dass es keine Schande ist, hilflos zu sein und ohnmächtig. Er hat das ausgehalten. Bei ihm könnte uns aufgehen, dass wehrlos sein und ruhmlos nicht heißt: ohne Würde! Er hat es ans Licht gebracht. In seiner Nähe würden wir lernen, dass es geht: Geschlagen werden, ohne zurückzuschlagen, einfach leben, ohne nach oben zu müssen, den anderen neidlos das Ihre gönnen. Er hat es vorgelebt. An seiner Hand ließe es sich ertragen, zum Durchschnitt zu gehören, so wie du und ich, so schwach zu sein, so wenig fertig zu bringen, zu so vielem nicht die Kraft haben. Er wollte nicht mehr sein. In seinen Fußstapfen wüssten wir, wohin der Weg geht: dorthin, wo so ohnmächtige, so hilflose, so ganz und gar durchschnittliche Menschen wie wir eine Heimat haben – beim Vater zu Hause.

Ich soll den Gekreuzigten als Vorbild predigen? Zwar werden wir wohl niemals singen können, wie Elvis, zwar werden unsere Auftritte hier niemals an die Bühnenshows moderner Popbands heranreichen – und doch ist es erhebend, mit dem was wir sagen, singen, spielen oder tun ein wenig von dem weiterzugeben, was Christus für uns getan hat und vielen Menschen damit weitaus tollere Erlebnisse und Gefühle zu vermitteln, als jeder Superstar es könnte.

Zwar bringt es schon lange kein großes Ansehen mehr mit sich, in der Gemeinde mitzuarbeiten, eher ist es oft harte Arbeit und ein ziemlich trockenes Brot und wir werden niemals ein Imperium zu leiten haben, und doch haben wir alle miteinander große Verantwortung für einen klitzekleinen Teil unserer Welt, für die Menschen in unserer Nähe, in unserer Gemeinde. Für sie zu sorgen und ihr Bestes vor Gott zu erreichen. Und manchmal gelingt es ja sogar, den Mächtigen mit unserer kleinen Kraft doch ein Schnippchen zu schlagen.

Zwar werden wir niemals auf einem weißen Pferd in die untergehende Sonne reiten können um das Gefühl von Marlboro-Freiheit zu erleben. Aber ist das schlimm? Wir sind keine Superstars, aber es gilt ohnehin immer noch, was unsere Vorfahren so ausdrückten: „Unner eunen füinen Rocke suiht man nich dat growe Hemd. – Unter einem feinem Rock sieht man nicht das grobe Hemd“.
Amen


Begrüßung:
Der „gute Hirte“ steht im Zentrum des zweiten Sonntags nach Ostern. Das Urbild des Schäfers spricht Kinder wie Erwachsene an. Das Neue Testament bekennt Christus als den guten Hirten, der das Verlorene nicht aufgibt und der sein Leben für das ihm Anvertraute lässt. Jeder einzelne zählt. Die biblischen Texte warnen aber auch vor schlechten Hirten, die nur an ihr eigenes Wohl denken, bei Gefahr davonlaufen und das Schwache nicht stärken. Da gilt es, sich an den guten Hirten zu halten und nach seinem Beispiel selbst auf andere zu achten.

Wochenspruch:
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich geben ihnen das ewige Leben.

Eingangsgebet:
Lebendiger Gott,
du schenkst uns Leben durch den, den Du auferweckt hast von den Toten. Bei dir kommen wir ans frische Wasser. Der Stecken und Stab Deiner Worte trösten uns.
Lass uns Wege finden und es wagen auszusprechen: „Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe.“
Amen.

Lieder:
443, 1-5 „Aus meines Herzens Grunde“
274, 1-5 „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ (Melodie 341, Nun freut euch)
103, 1-6 „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“
116, 1-3 „Er ist erstanden, Halleluja“

Schriftlesung: Psalm 23, 1-6
1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Fürbittengebet
Gütiger Gott, so oft hast du dich uns schon als Hüter des Lebens gezeigt,hast uns gesucht und geführt, hast uns vor bösen Wegen bewahrt, hast uns Gutes erfahren lassen und deine Barmherzigkeit uns spüren lassen.

Darum bitten wir dich auch heute: Sei du unser Hirte und lass es nicht mangeln an Brot für die Hungernden, an Gerechtigkeit für die Bedrängten, an Kraft für die Schwachen, an Wegweisung für die Verirrten.

Sei du unser Hirte und führ uns zum frischen Wasser, belebe uns mit deinem Heiligen Geist, damit wir uns erinnern, wie es sein soll: die Erde fruchtbar, die Gemeinschaft friedlich, die Arbeit gesegnet.

Sei du unser Hirte und bleibe bei uns im finsteren Tal, nimm die Ausweglosen bei der Hand, lass Furcht und Schrecken ein Ende haben, geleite die Sterbenden, tröste die Traurigen.

Sei du unser Hirte und führe uns auf rechter Straße, auch alle die, die Verantwortung tragen, die Welt zu regieren, die nicht fähig sind, das Leben zu hüten, die nicht mächtig sind, den Frieden zu schaffen.

Sei du unser Hirte und sieh auch die Unbehüteten, die Vertriebenen, die Zerstreuten, die furchtbaren Wunden derer, denen Gewalt angetan wurde. Sei bei denen, die helfen und verbinden, dass sie den Mut nicht verlieren.
Amen.